Warum Entscheidungen über den Beruf letztendlich Entscheidungen über das Leben sind
- Jürgen Detlefsen

- 22. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
Ich habe in verschiedenen Berufsfeldern gearbeitet. Als Beamter hatte ich klare Aufgaben und einen sicheren Arbeitsplatz. In großen Konzernen waren die Karrierewege bereits festgelegt, die Erwartungen mussten klar definiert sein und die Leistung wurde formal bewertet. Später war ich als Berater für internationale Unternehmen tätig, in einem Umfeld mit hoher Dynamik, ständigen Veränderungen und häufig widersprüchlichen Zielen. Schließlich wurde ich Geschäftsführer meiner eigenen Beratungsfirma – eine Position, die mir unternehmerische Freiheit ermöglichte, aber auch eine persönliche Verantwortung mit sich brachte, die sich nicht mehr delegieren ließ.
Daraus habe ich gelernt, dass diese verschiedenen Arbeitsumgebungen unabhängig von ihrer konkreten Struktur ähnliche Auswirkungen auf die einzelnen Person haben. Immer wieder habe ich beobachtet, wie Menschen vorgeben, über ihre Arbeit zu sprechen, obwohl sie eigentlich ganz andere Dinge meinen. Sie geben an, nicht genug Zeit zu haben, doch ihr Problem sind psychische Belastungen. Sie sprechen über Stress, obwohl sie ständig mit Loyalitätskonflikten konfrontiert sind. Sie reden über ihre Work-Life-Balance, wünschen sich aber eigentlich ein vollkommen ausgeglichenes Leben. Die meisten Menschen betrachten die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben als ein Problem des Unternehmens: Überlastung, zu wenig Freizeit und falsche Prioritäten.
Ich glaube, dass diese organisatorische Sichtweise das eigentliche Problem verkennt. Zeitprobleme sind wichtig, sind aber nicht der Hauptfaktor. Der Engpass entsteht, wenn Menschen gleichzeitig mehreren Erwartungen gerecht werden wollen und/oder müssen. Sie wollen/müssen Erwartungen ihres Arbeitsplatzes, ihrer Familie und der Gesellschaft erfüllen sowie persönliche Erfahrungen bewältigen, was wegen permanenten Defiziten zu inneren Konflikten führt.
Organisatorischer Stress und Erschöpfung entstehen, wenn Mitarbeitende versuchen, ihre individuellen Bedürfnisse mit den Anforderungen des Unternehmens in Einklang zu bringen. Moderne Organisationen haben deshalb in ihren formalen Kommunikationssystemen Initiativen zur Gesundheitsförderung, Selbstfürsorge und Work-Life-Balance integriert. Informelle Systeme belohnen Mitarbeitende, die Verfügbarkeit, Engagement und Anpassungsfähigkeit zeigen. Das klappt aber häufig nicht. Wer versucht, persönliche Bedürfnisse mit den Anforderungen des Unternehmens zu vereinbaren, erlebt häufig dennoch Stress und Erschöpfung.
In meiner Rolle als Coach begegne ich immer wieder Menschen, die jahrelang versucht haben, die Ursache ihres inneren Drucks zu ergründen. Sie fragen sich oft, warum sie nicht kraftvoller, konzentrierter und selbstsicherer sind. In unseren gemeinsamen Gesprächen zeigt sich dann, dass sie sich in einer komplexen Situation voller Erwartungen befinden, aus der es scheinbar keinen einfachen Ausweg gibt. Allein die veränderte Perspektive kann in den meisten Fällen hilfreich sein. Sie ist nicht deshalb nützlich, weil sie sofortige Lösungen liefert, sondern weil sie die Wahrnehmung des Einzelnen verändert. Das ist ein wichtiger erster Schritt.
Work-Life-Balance bedeutet nicht die Trennung von Arbeit und Leben und impliziert auch nicht, dass alle Bereiche gleich viel Aufmerksamkeit erhalten. Es bedeutet vielmehr, sich bewusst zu machen, welche Erwartungen man erfüllt und welche nicht mehr. Die Entscheidungen selbst verändern sich mit den Lebensphasen, dem Gesundheitszustand und der eigenen Persönlichkeit.
Im Laufe meiner beruflichen Laufbahn habe ich beobachtet, dass Stabilität und Balance typischerweise nicht durch große Veränderungen entsteht, sondern durch kleine, scheinbar unbedeutende Entwicklungen, die ganz normal auftreten. Zum Beispiel: Verantwortung wird anders definiert, als eine bewusst gezogene Grenze. Oder als die Bereitschaft, eine schwierige Zeit für kurze Zeit durchzustehen, ohne sie als etwas Positives zu sehen oder gar zu verherrlichen. Coaching gibt Ihnen Zeit zum Nachdenken und Verarbeiten, wie Sie es im Alltag sonst nicht können. Anstatt sich nur auf maximale Effizienz zu konzentrieren, ermöglicht Ihnen Coaching, Ihre Situation besser zu verstehen. Es bietet einen geschützten Raum, in dem Ihre Wünsche, Hoffnungen und Ängste ohne sofortige Kritik auftauchen können. Coaching hilft Ihnen zu erkennen, dass Ihre beruflichen Entscheidungen wohlüberlegt und im Hinblick auf Ihr Leben getroffen werden müssen, das Sie weiterhin als Ihr eigenes betrachten. Entscheidungen über den Beruf sind Entscheidungen über das Leben.

Danach ist eine ausgewogene Work-Life-Balance kein erreichbares statisches Ziel mehr. Vielmehr geht es darum, die Wechselwirkungen zwischen Arbeit, privaten Verpflichtungen und persönlichen Anforderungen innerhalb eines bestimmten Systems fortwährend zu reflektieren. Nicht ideal, aber logisch. Nicht endgültig, aber bewusst. Und immer ganz individuell. Deshalb hat kein Coach die Lösung für sie, sondern nur sie selbst.



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